Sehr geehrte Damen und Herren der Europäischen Kommission,

als Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) weisen wir nachdrücklich darauf hin, dass eine umfassende Aktualisierung der EU-Tabakproduktrichtlinie angesichts der Marktdynamik und des ungebremsten Vordringens neuartiger Nikotinprodukte zwingend erforderlich ist. Um das Ziel einer „Generation Rauchfrei“ bis 2040 zu erreichen, dürfen gesundheitsgefährdende Nikotinprodukte nicht als reine Wirtschaftsgüter betrachtet werden.

1. Das trügerische Narrativ der „Harm Reduction“ und die Notwendigkeit medizinischer Prüfungen

Der Begriff „Harm Reduction“ wird von der Tabak- und Nikotinindustrie systematisch missbraucht, um neue Profitmärkte zu erschließen und Regulierungen abzuwehren. Wir warnen eindringlich davor, die Zulassungspflicht samt gesundheitlicher Vorabprüfung für neuartige Erzeugnisse (wie Vapes und Tabakerhitzer) zugunsten einer bloßen Meldepflicht aufzuweichen. Eine bloße Meldepflicht ersetzt keine medizinische Bewertung und führt dazu, dass hochgradig abhängigkeitserzeugende Produkte mit potenziell gravierenden Langzeitfolgen ungeprüft auf den Markt gelangen.

2. Die Problematik des „freien Nikotins“ und irreführende Deklarationen

Die aktuelle Vorgabe, lediglich den Nikotingehalt in Milligramm anzugeben, ist für den Konsumentenschutz unbrauchbar und massiv irreführend. Das tatsächliche Suchtpotenzial hängt von der Bioverfügbarkeit ab, welche die Industrie gezielt über den pH-Wert manipuliert. Nur das ungeladene, „freie“ Nikotin kann die Schleimhäute rasch durchdringen, die Blut-Hirn-Schranke überwinden und den extrem suchtfördernden „Nikotin-Kick“ auslösen. Wir fordern, dass auf jeder Packung die Angabe des Gesamtnikotingehalts, des pH-Wertes und des Anteils des bioverfügbaren („freien“) Nikotins verpflichtend wird.

3. Direkte Lungen- und Gefäßtoxizität sowie onkologische Gefahren

Nikotin ist keine harmlose Substanz, sondern ein hochaktiver Tumorpromotor, der Krebswachstum, Angiogenese sowie Metastasierung fördert und die Wirksamkeit von Chemo- und Strahlentherapien mindert. Zudem schädigen die Aerosole von E-Zigaretten direkt die Alveolarzellen und stören den lebenswichtigen pulmonalen Surfactant der Lunge. Auch das kardiovaskuläre System wird massiv geschädigt: Nikotin verursacht unabhängig von der Konsumform eine endotheliale Dysfunktion und erhöht das Risiko für Arteriosklerose und Herzinfarkte drastisch.

4. Schutz der Jugend und vollständiges Verbot von Nikotinbeuteln

Das ungebremste Vordringen von E-Zigaretten als Einstiegsprodukte in den späteren Tabakkonsum gefährdet insbesondere Jugendliche akut. Das sich entwickelnde Gehirn ist extrem vulnerabel für die toxischen Effekte von Nikotin, was die Hirnreifung stört und Raten an Depressionen und Angstzuständen massiv in die Höhe treibt. Für Nikotinbeutel (Pouches) fordern wir als ÖGP ein vollständiges Verbot und die sofortige Marktentnahme. In Ländern wie den Niederlanden oder Belgien sind diese Produkte bereits verboten.

Forderungen:

Wir fordern die Europäische Kommission auf, alle neuartigen Nikotinprodukte lückenlos in den strengen regulativen Rahmen aufzunehmen. Es bedarf zwingender gesundheitlicher Zulassungsverfahren (keine reine Meldepflicht), der verpflichtenden Deklaration von freiem Nikotin und pH-Werten, restriktiver Einheitsverpackungen sowie eines EU-weiten Verbots von Nikotinbeuteln und jugendaffinen Aromastoffen.

Mit freundlichen Grüßen,

Prim.a Dr.in Eveline Kink, Präsidentin der ÖGP

Im Namen der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP)