Jahrestagung 2016: „Pneumonie – Neue Leitlinien“ für Fachmedien

Experten fordern: Lungenentzündung muss besonders bei älteren Menschen, analog zu Herzinfarkt, als medizinischer Notfall verstanden werden!

Neue Leitlinien zur optimalen Behandlung sollen Leben retten

Im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) vom 6. – 8. Oktober in Wien wiesen Experten* eindringlich darauf hin, dass Lungenentzündungen häufig gefährlich unterschätzt werden – oft mit fatalen Folgen. Daher fordert die ÖGP gemäß der neuen Leitlinien zur Lungenentzündung (ambulant erworbenen Pneumonie), dass Patienten, die mit einer Lungenentzündung ins Spital eingeliefert werden, genauso intensiv überwacht werden wie Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt.

Die Zahlen sprechen für sich: 10% der Patienten, die mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert werden, sterben daran. Bei Patienten, die mit Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden, liegt die Sterblichkeit heute bei unter 5%[1].

„Das liegt unter anderem daran“, so OA Dr. Holger Flick, stellvertretender Leiter des Arbeitskreises Infektiologie und Tuberkulose der ÖGP, „dass die Lungenentzündung als lebensbedrohliche Erkrankung grob unterschätzt wird.“

Pneumonie als Notfall

Auch wenn Patienten, die aufgrund einer Pneumonie ins Krankenhaus eingeliefert werden, vermeintlich nicht unmittelbar lebensbedrohlich erkrankt sind, bedürfen sie – den neuen Erkenntnissen zufolge – im Einzelfall von Beginn an einer intensiven Überwachung und Therapie. Flick: „Patienten mit Lungenentzündung scheinen bei der Erstbegutachtung im Krankenhaus oft nicht unmittelbar vital bedroht zu sein und werden daher auf die Normalstation gelegt. Dort aber sind die klinischen Kontrollen unter Umständen nicht ausreichend engmaschig. Der Zustand des Patienten kann sich innerhalb weniger Stunden dramatisch verschlechtern. Vor allem ältere Menschen ab 65 Jahren und Patienten mit Vorerkrankungen sind hier besonders gefährdet“, warnt Flick. Während bei einem Herzinfarktpatienten das gesamte Behandlungsteam von Beginn an hoch alarmiert ist und sofort eine genau definierte Kaskade an diagnostischen und therapeutischen Interventionen abläuft, wird die Gefährlichkeit einer Lungenentzündung immer wieder unterschätzt. Flick: „Dass die hospitalisierte, ambulant erworbene Lungenentzündung** häufig einen echten Notfall darstellt, ist zurzeit Patienten, Angehörigen und behandelnden Ärzte nicht ausreichend bewusst.“

Die Experten fordern daher, analog zum Herzinfarkt und Schlaganfall, die Lungenentzündung im Krankenhaus als medizinischen Notfall zu verstehen. Flick: „Jeder Patient, der mit Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wird, muss schnellstmöglich untersucht, bei drohenden Komplikationen als akuter Notfall behandelt und in weiterer Folge engmaschig beobachtet werden!“

Das grundlegende Ziel der neuen Guideline, die erstmalig für Deutschland, Österreich und die Schweiz gemeinsam erarbeitet wurde und bei deren Ausarbeitung Dr. Flick als Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie mitgearbeitet hat, ist die Reduktion der Sterbefälle durch eine Verbesserung der Behandlungsqualität. Flick: „Es wurden genaue Empfehlungen zur Umsetzung der Leitlinie formuliert, die in jedem Krankenhaus individuell angepasst werden können und sollen. Und auch der Überprüfung der so gesetzten Maßnahmen, Stichwort Qualitätssicherung, wurde in der Leitlinie große Bedeutung beigemessen.“

Differenziertes Erfassen – gezieltes therapeutisches Vorgehen

Die Guideline gibt die Empfehlung, die antimikrobiellen Therapien, hierzu zählen v.a. auch Antibiotika, auf die kürzestmögliche Dauer zu beschränken. Ein Meilenstein der aktuellen Leitlinien ist jedoch, dass die Therapie-Empfehlungen viel differenzierter als bisher gegeben werden. Einerseits, um Antibiotika-Resistenzen und dem Entstehen multiresistenter Erreger entgegenzuwirken. Andererseits, um die therapeutischen Interventionen so zu optimieren, dass der Patient eine individuell maßgeschneiderte, optimale Behandlung unter Erhaltung der bestmöglichen Lebensqualität erhält.

Dazu wurde erstmalig bei der Pneumonie ein differenziertes Beurteilungssystem eingeführt, das sich an einem in der Onkologie schon lange bewährten System (ECOG-Score) orientiert und an Hand dessen die Entscheidung für die optimalen therapeutischen Interventionen getroffen werden sollen: Schweregrad der Lungenentzündung, Alter des Patienten, Vorerkrankungen und „Funktionalität“
(= Allgemeinzustand des Patienten vor dem Auftreten der Lungenentzündung) werden erhoben und Therapieziel sowie Behandlung dementsprechend festgelegt.

Flick: „Die objektive Erfassung des Schweregrades der Lungenentzündung war und ist ein zentrales Element des Managements der Erkrankung. Hierzu zählen Parameter wie, ob ein oder beide Lungenflügel von der Entzündung betroffen sind, ob ein Kreislaufversagen droht, wie es um die Sauerstoffsättigung bestellt ist etc.“

Eine weitere wichtige Rolle spielen aber eben auch das Alter, Vorerkrankungen und der Allgemeinzustand des Patienten vor der Erkrankung. Flick: „Gerade bei älteren Patienten stellt sich die Frage, wie der Patient vor dem Ereignis beisammen war. War er bereits bettlägerig oder hat er noch voll am aktiven Leben teilgenommen? War er im Vorfeld pflegebedürftig oder aktiv, hat sich sportlich betätigt, am sozialen Leben teilgenommen, vielleicht sogar noch sein Haus umgebaut oder den Kindern aktiv beim Hausbau geholfen? Die Bandbreite ist hier enorm und soll gemäß der neuen Guidelines ihren Niederschlag in der Formulierung des Therapiezieles finden.“

Kurativ versus palliativ

Die vorliegende Leitlinie setzt sich ausführlich, offen und ehrlich auch mit einem Spannungsfeld auseinander, in dem sich Mediziner bei einer hospitalisierten Pneumonie oft befinden: das Spannungsfeld zwischen Notfall und terminalem Ereignis. Flick: „Die ambulant erworbene Pneumonie stellt bei hochbetagten, polymorbiden Patienten mit schlechter Funktionalität zu einem erheblichen Anteil ein mögliches terminales Ereignis dar. Das neu eingeführte Beurteilungsschema soll hier helfen, die näheren Umstände des Patienten möglichst schnell zu erfassen und dementsprechend beurteilen zu können, ob das Therapieziel Richtung kurativ oder palliativ gesetzt werden soll.“ In der Leitlinie wird dem Thema der palliativen Therapie ein eigenes Kapitel gewidmet, was auch international eine Neuheit darstellt.

Informationen zur neuen Leitlinie für Fachmedien:

Die aktuelle Leitlinie ist ein Update und ersetzt die bisher gültige, 2009 publizierte Leitlinie zur Behandlung von Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie. Gegenüber der letzten Leitlinie stellt die aktuelle Leitlinie eine grundlegende konzeptuelle als auch inhaltliche Revision dar. Nicht mehr eingeschlossen sind Empfehlungen zur Behandlung von Patienten mit akuter Bronchitis, akuter Exazerbation der COPD oder Lungenentzündungen auf Grund einer schwergradigen Immunsupression (z.B. Transplantierte, Aids-Patienten).

Die neue Leitline wendet sich an alle in die Behandlung von Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie involvierten Ärzte, insbesondere niedergelassene Allgemeinmediziner und Fachärzte für Innere Medizin sowie an Krankenhausärzte.

Ein grundlegendes Ziel der neuen Leitlinie, bei der erstmalig neben deutschen Autoren auch Autoren aus der Schweiz und Österreich mitgearbeitet haben, ist die Reduktion der Letalität durch Verbesserung der Behandlungsqualität. Nähere Infos zur Leitlinie bei amwf.org

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Sofern nicht anders vermerkt, gelten alle Bezeichnungen sowohl für Frauen als auch für Männer.

** Ambulant erworbene Lungenentzündung = eine „normale“ Lungenentzündung, die man außerhalb des Krankenhauses erworben hat; die Leitlinie umfasst nicht Lungenentzündungen, die in Folge von Aids oder einer starken Immunsuppression wie z.B. bei Transplantations-Patienten auftreten können.

[1] Journal of the American College of Cardiology Vol.56, No.4, 2010 ISSN 0735-1097/doi:10.1016/j-jacc.2010.05.008 „Treatments, Trends and Outcomes of Acute Myocardial Infarction and Percutaneous Coronary Intervention“

 

Kontakt

Dr. Holger Flick
Oberarzt der klinischen Abteilung für Lungenkrankheiten
Universitätsklinik für Innere Medizin
LKH Universitätsklinik / Med. Universität
Auenbruggerplatz 15; A-8036 Graz
E-mail: holger.flick@medunigraz.at

Weitere Pressetexte zu Themen des Kongresses finden Sie laufend aktualisiert unter:
www.ogp.at/category/presse/medienaussendungen

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[1] Journal of the American College of Cardiology Vol.56, No.4, 2010 ISSN 0735-1097/doi:10.1016/j-jacc.2010.05.008 „Treatments, Trends and Outcomes of Acute Myocardial Infarction and Percutaneous Coronary Intervention“