„Flugfreigabe“ für Menschen mit Lungenerkrankung ratsam

Bereits 2015 gab es weltweit rund 3,3 Milliarden Flugreisende – Tendenz steigend. „Ein beträchtlicher Teil der Passagiere ist chronisch krank. Wir verlangen bei jedem kleineren operativen Eingriff im Spital eine ‚Freigabe‘ durch den Internisten. Da ist es nur ratsam, diesen Menschen auch vor einer Flugreise den Gang zum Hausarzt*, eventuell zum Internisten und/oder Lungenfacharzt dringend zu empfehlen“, sagte jetzt Dr. Joachim Huber, Wiener Internist, Kardiologe und Flugmediziner mit Jahrzehnte langer Erfahrung aus Anlass der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie ÖGP (5. Bis 7. Oktober in Innsbruck).

Flugreisen – von Kurzstrecken als „Hüpfer“ zwischen Destinationen mit geringer Entfernung bis hin zu Ultralangstrecken-Flügen beispielsweise zwischen Australien und Europa – sind längst Alltag geworden. „Doch gleichzeitig hat das Bewusstsein für die gesundheitlichen Belastungen abgenommen. Der Kabinendruck während des Fluges entspricht beispielsweise rund 2.500 Meter Seehöhe. Und oft sagen Patienten: ‚Nein, auf 2.500 Meter Seehöhe gehe ich nicht mehr hinauf.‘ Während des Fluges kommen sie aber über solche Höhen“, schilderte Dr. Huber.

Der Kreis der Flugreisenden hat sich enorm erweitert. „In diesem Moment befinden sich mehr als zwei Millionen Menschen in der Luft. 50 Prozent aller Flugpassagiere sind über 50 Jahre alt. Mehr als 50 Prozent sind chronisch krank. Man denke nur daran, dass eine Million Österreicher täglich mehr als fünf verschiedene Medikamente einnehmen. 25 Prozent der Touristen werden am Urlaubsort in irgendeiner Weise krank. Und viele dieser Menschen steigen ins Flugzeug“, sagte der Flugmediziner, der ehemals den ersten Österreicher im All, Franz Viehböck, im Rahmen der „Austromir“-Weltraumexpedition medizinisch betreut hat.

Eine Statistik der „Doc-on-Board“-Initiative hat 2016 ergeben: 30 Prozent der Flugpassagiere haben Herz-Kreislauf-Leiden. 15 Prozent weisen chronische Atmungsprobleme auf. Erst danach kommen psychische Notfälle und Flugangst, neurologische Probleme und anderes.

„Diagnosen bei der Crew sind zu 20 Prozent auf respiratorische Probleme und allergische Symptome zurückzuführen, dann kommen gastro-intestinale Erkrankungen (20 Prozent; Anm.) – Herz-Kreislauf-Diagnosen sind mit fünf Prozent vertreten“, sagte der Flugmediziner. Nimmt man den Super-Jumbo vom Typ des Airbus 380 mit einer Reichweite von bis zu mehr als 15.000 Kilometern, 20 Crewmitgliedern und bis zu rund 850 Passagieren als Beispiel, kann an Bord schon einiges an Problemen auftauchen. Statistisch tritt ein medizinischer Notfall pro 10.000 Passagiere auf. Bei den 250 Mitgliedern des Internationalen Verbandes der Fluglinien (IATA) werden pro Jahr rund 2.000 Todesfälle während Flügen registriert.

Belastungen wie auf dem Berg

„Was zum Beispiel bei Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen im Alltagsleben kaum spürbar ist, kann während einer Flugreise leicht problematisch werden“, warnte der Flugmediziner. So liegt die Sauerstoffsättigung im arteriellen Blut (SaO2) in Meereshöhe bei um die 98 Prozent. „Die Abnahme des Luftdruckes und somit des Sauerstoffpartialdruckes von 70 auf 50 mm HG bei einer Höhe (Kabinendruck) von 10.000 bis 12.000 Fuß ergibt eine arterielle Sauerstoffsättigung von nur noch 92 Prozent oder den Grenzwert zum Sauerstoffmangel“, schilderte Dr. Huber. Kommt dann beispielsweise noch eine chronische Lungenerkrankung wie COPD, Asthma oder eine Herz-Kreislauferkrankung hinzu, verschlechtert sich die Situation für den Flugreisenden automatisch.

„Gerade deshalb sollten Menschen mit chronischen Erkrankungen vor Flugreisen zumindest zu ihrem Hausarzt gehen und sich mit ihm beraten. Und der Hausarzt sollte bei Bedarf zum Lungenfacharzt bzw. zum Internisten überweisen“, sagte Dr. Huber. Per Lungenfunktionsmessung etc. erfolgt eine genauere Abklärung der Situation des Betroffenen, dann kann der Flugreisende ganz gezielt auf die Passage vorbereitet werden.

„Natürlich lässt sich die Flugtauglichkeit auch bei Menschen mit chronischen Erkrankungen verbessern. Da muss man eben die medikamentöse Einstellung optimieren. Das wichtigste aber ist: Man braucht ein paar Wochen Zeit dazu. Wer mit chronischen Atemwegs- oder Herz-Kreislauferkrankungen am Tag vor Antritt der Flugreise zum Arzt geht, kommt zu spät“, betonte der Experte.

Ein Atemvolumen von drei Litern pro maximalem Atemzug, ein FEV1-Wert (maximale Ausatmung binnen einer Sekunde) von mehr als 70 Prozent des Sollwertes, eine arterielle Sauerstoffsättigung von mehr als 85 Prozent und ein arterieller Kohlendioxidpartialdruck von mehr als 70 mm HG stellen die Mindestanforderungen für den Status von Flugreisenden dar.

Abseits dieser generellen Richtlinien führt der Flugmediziner für einzelne chronische Lungenerkrankungen folgende Empfehlungen an, die es zu berücksichtigen gilt:

Fliegen und Asthma

Prinzipiell sollten Patienten mit Asthma medikamentös gut eingestellt und in der Lage sein, ihre chronische Erkrankung zu managen. „Die eventuell benötigten (Notfall-)Medikamente gehören unbedingt ins Handgepäck. Gute Fluglinien haben zwar solche Arzneimittel an Bord, es müssen aber nicht gerade jene sein, welche dem Reisenden vom Arzt verschrieben worden sind“, so Dr. Huber. Die gefilterte Luft in der Flugzeugkabine ist sehr trocken. Das kann Asthmatikern Probleme machen und erhöht den Flüssigkeitsbedarf bis auf das Doppelte. Wer einen schweren Asthmaanfall gehabt hat, sollte zumindest 48 Stunden lang nicht fliegen.

Fliegen und chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)

Ohne wirksame Therapie und ohne zusätzliche Sauerstoffversorgung sind Patienten mit einer COPD im Stadium III oder IV bei einem FEV1-Wert von weniger als 60 Prozent des Normwertes und einer arteriellen Sauerstoffsättigung unter 85 Prozent nicht flugtauglich. „Es gibt die Möglichkeit einer zusätzlichen Sauerstoffversorgung während des Fluges. Da muss man sich aber bei der Fluglinie erkundigen, welche Geräte in die Kabine mitgenommen werden dürfen. Die Krankenkassen übernehmen diese Kosten nicht“, betonte der Wiener Flugmediziner.

Fliegen und Lungenhochdruck

Auch Patienten mit Lungenhochdruck können bei entsprechender Vorsorge (genaue Untersuchung durch den Kardiologen und Lungenfacharzt) und unter erforderlicher Therapie und allen vom Arzt empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen eine Flugreise antreten. Ab einer Flugdauer von zweieinhalb Stunden sollte aber Sauerstoff mitgeführt werden. Im Endeffekt sollte aber schon in der Reiseplanung berücksichtigt werden, dass es auch am Zielort gegebenenfalls eine ausreichende medizinische Versorgung gibt.

Fliegen und Tauchurlaube

Zwischen dem letzten Tauchgang und dem Einstieg ins Flugzeug sollten mindestens 24 Stunden vergehen. Innerhalb dieses Tages sollten nicht mehr als 300 Höhenmeter über der Höhe des Tauchganges überwunden werden.

„An sich ist das alles ja nicht so schwierig. Doch oft wird auf diese Vorsichts- und Begleitmaßnahmen vergessen“, sagte Dr. Huber. Wann immer aber der Verdacht auf mögliche gesundheitliche Probleme bei einer Flugreise auftaucht, sollte der Arzt konsultiert werden. Eben ähnlich wie bei einer „Freigabe“ für einen operativen Eingriff …

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Sofern nicht anders vermerkt, gelten alle Bezeichnungen sowohl für Frauen als auch für Männer.

5. Oktober 2017

Kontakt

Dr. Joachim Huber
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