Jahrestagung 2016 – Damit aus Allergie nicht Asthma wird – primäre und sekundäre Asthma-Prävention

Damit aus Allergie nicht Asthma wird – primäre und sekundäre Asthma-Prävention

Wien – Asthma ist eine der häufigsten chronischen Atemwegserkrankungen in der westlichen Welt und betrifft derzeit ca. 300 Millionen Menschen weltweit. In Österreich sind etwa 5-7% der Bevölkerung betroffen. Bei Kindern und Jugendlichen ist Asthma besonders weit verbreitet: Mit rund 10% dieser Altersgruppe ist Asthma die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Das Besorgniserregende: Die Verbreitung von Asthma nimmt in den letzten Jahren in manchen Ländern auch noch zu.
Das Risiko, Asthma zu bekommen, kann aber durch gezielte Maßnahmen zumindest gemindert werden. Welche Möglichkeiten es gibt, erläuterten Experten im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), die vom 6. bis 8. Oktober in Wien stattfindet.

Asthma ist eine entzündliche Erkrankung der Atemwege; die typischen Beschwerden sind Husten, pfeifende Atmung, Engegefühl in der Brust, Kurzatmigkeit und Luftnot. Man unterscheidet allergisches und nicht-allergisches Asthma. Allergisches Asthma kann von verschiedenen Allergenen ausgelöst werden kann: Dazu zählen unter anderem harmlose Substanzen wie Tierhaare, Baum- und Gräser-Pollen, Schimmelpilzsporen oder Hausstaubmilben. Nicht-allergisches Asthma wird durch Virus- und bakterielle Infekte verursacht, kann aber auch durch Kälte, psychische Belastung und körperliche Anstrengung ausgelöst werden.

Primäre Asthma-Prävention
Unter primärer Prävention versteht man das Verhindern einer allergischen Sensibilisierung bzw. von allergischen Symptomen. Die möglichen Maßnahmen müssen so früh wie möglich – d.h. beim Kleinkind, Säugling oder sogar schon in der Schwangerschaft – gesetzt werden. Denn grundsätzlich gilt: Der richtige Zeitpunkt einer Intervention ist für ihren Erfolg entscheidend.

Keine Verzögerung der Beikost für Babys!
Prim. Priv.-Doz. Dr. Fritz Horak, ärztlicher Leiter des Allergiezentrum Wien West und Leiter des Arbeitskreises Allergie und Asthma der ÖGP: „Insgesamt geht man bei der Prävention immer mehr weg von einer Allergen-Vermeidungs-Strategie hin zu einer Stärkung der protektiven, also schützenden Faktoren. Während früher das gezielte Vermeiden von potenziell allergenen Nahrungsmitteln gefördert wurde, hat sich in den aktuellsten Studien gezeigt, dass eine Verzögerung der Einführung der Beikost beim Säugling eher ein Allergierisiko darstellt. Daher wird jetzt empfohlen, wenn möglich bis zum vierten Lebensmonat ausschließlich zu stillen und danach zügig die Beikost einzuführen.“
Restriktive Diäten in der Schwangerschaft oder die Einnahme von Probiotika haben keinen Vorteil gezeigt, es gibt aber Anzeichen dafür, dass das Essen von Fisch bzw. die Aufnahme von Fischöl in der Schwangerschaft einen günstigen Einfluss auf die Sensibilisierung haben kann. Horak: „Stillen wird also weiterhin als wichtigste Ernährungsform in den ersten vier Lebensmonaten angesehen, der wirklich präventive Effekt auf die Allergieentstehung dürfte aber wenn, dann eher schwach sein. Übertrieben langes Stillen könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben und Allergien fördern.“
Ist Stillen allerdings in den ersten vier Lebensmonaten nicht möglich, soll auf eine hypoallergene Formula-Nahrung umgestellt werden. Die Evidenz der Daten zur Allergieprävention ist auch hier allerdings eher mäßig.

Zuviel Hygiene – gut oder schlecht?
Die Hygienetheorie hat schon vor vielen Jahren den Zusammenhang zwischen früher bakterieller Exposition und dem Auftreten von Allergien untersucht. Die „Bauernhofstudien“, die zeigen, dass Kinder, die am Bauernhof aufwachsen ein deutlich geringeres Allergierisiko aufweisen, haben diese Hypothese unterstützt. Horak: „Neuere Daten zeigen jetzt, dass v.a. die Diversität, also die Verschiedenheit von Bakterien, mit denen wir in einem sehr frühen Lebensalter in Kontakt kommen, für diesen protektiven Effekt verantwortlich sein dürfte.“
Auch die Beobachtung, dass Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, ein höheres Allergierisiko tragen, als Kinder nach natürlicher Geburt, dürfte in diesem frühen Kontakt zu Bakterien der mütterlichen Darmflora unter der Geburt zu erklären sein. Es ist aus offensichtlichen Gründen schwierig, diese Beobachtungen zur direkten Prävention zu nützen, außer dass der Trend zu immer häufigeren primären Kaiserschnitten ohne strenge medizinische Indikation zu überdenken ist. Auch die Gabe von Pro- und Präbiotika in der Säuglingsperiode wird kontrovers diskutiert und es sind hier sicher noch mehr Studien nötig, um eine letztendliche Aussage treffen zu können.

Risikofaktor Haustier?
Auch der Einfluss des Innenraumklimas auf die Entstehung von Allergien und mögliche Präventionsansätze wurde untersucht. Die Einschätzung Haustiere betreffend ist derzeit, dass es eher weder einen klaren schützenden noch schädlichen Effekt gibt, wenn ein Tier (Katze oder Hund) bereits in der Familie vorhanden ist. Horak: „Daher soll ein bereits vorhandenes Haustier nicht aus Allergie-Präventions-Überlegungen weggegeben werden, wenn ein Baby erwartet wird. Manche Studien zeigen sogar einen vorübergehenden positiven Effekt bei Hundehaltung, während andere Studien bei Neuanschaffung einer Katze teilweise auch negative Effekte auf die Entstehung eines atopischen Ekzems, bei entsprechender genetischer Prädisposition, zeigen. Daher wird von einer Neuanschaffung einer Katze in eine Familie mit Allergierisiko eher abgeraten.“

Von Hausstaubmilben bis zu Tabakrauch
Hausstaubmilben gibt es in jedem Haushalt, der in einer Höhe bis zu 1.500 m über dem Meeresspiegel liegt. Und Hausstaubmilben, um genau zu sein, die Ausscheidungsprodukte von Hausstaubmilben, gelten als hoch allergen: Mit den winzigen, eiweißhaltigen Kotbällchen der kleinen Spinnentiere, die überall im Hausstaub zu finden sind, kommen wir über die Schleimhäute der Atemwege, der Augen und die Haut in Kontakt. Der bevorzugte Aufenthaltsort der Milben: Bettmatratzen. Denn dort finden sie ihre Lieblingsbedingung vor: Temperatur von 25 – 30 Grad Celsius, hohe Luftfeuchtigkeit und ausreichend Nahrung in Form von Haut- und Haarschuppen des Menschen.
Horak: „Während man bei einer bestehenden Milbenallergie durch die Anwendung von Maßnahmen, die zu einer Reduktion von Hausstaubmilbenallergen im Haus führen, oft eine Symptomenreduktion erreichen kann, konnte bisher kein Effekt bei der primären Prävention gezeigt werden.
Klar und durch eine große Anzahl von Studien belegt, ist der negative Effekt von Tabakrauch v.a. vor der Geburt – aber auch danach – auf die Entstehung allergischer Erkrankungen und v.a. von Atemwegserkrankungen wie Asthma. Hier ist ein wichtiger präventiver Ansatz in der Beratung von Schwangeren und Eltern zu sehen und auch ein Umdenken in der Bevölkerung nötig, damit Kinder vor Tabakrauch im privaten und öffentlichen Raum geschützt werden.
Insgesamt sei die Datenlage zur primären Prävention relativ uneinheitlich, so Prim. Horak in seinen Ausführungen. „Klar zu empfehlen ist die Vermeidung von Tabakrauch in jeder Lebenssituation des Kindes und die relativ frühe Einführung von Beikost nach vier Monaten ausschließlichen Stillens. Wie die Ergebnisse der Bakterien-Diversitäts-Hypothese präventiv umgesetzt werden können, muss sich erst zeigen. Übertriebene Hygiene und Förderung von primären Kaiserschnitt-Geburten sind jedenfalls aus allergologischer Sicht nicht hilfreich. Andere Empfehlungen müssen noch von weiteren Studien untermauert werden.“

Sekundäre Asthma-Prävention – „Allergie-Impfung“ gegen „Heuschnupfen“
Als sekundäre Prävention bezeichnet man die Gesamtheit aller Maßnahmen, die der Früherkennung und damit der Möglichkeit einer rechtzeitigen Behandlung von Erkrankungen dienen. Sie wendet sich gezielt an Personen, bei denen Risikofaktoren vorliegen, aber bisher keine daraus resultierende Erkrankung aufgetreten ist (Quelle Wikipedia).
„Wenn auch heute das Hauptaugenmerk auf der primären Prävention liegt, so hat auch die sekundäre Prävention einen wichtigen Stellenwert in der Behandlung des Asthma bronchiale“, so Priv.-Doz. Dr. Felix Wantke, Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums FAZ und stellvertretender Leiter des Arbeitskreises Allergie und Asthma der ÖGP. „Bei Kindern kann Asthma schon sehr früh auftreten, wobei zum Unterschied von Erwachsenen in diesem Fall meist keine allergische Rhinoconjunctivitis (allergische Entzündung der Nasenschleimhaut und Augenbindehaut) vorliegt.“ Liegt aber eine Rhinoconjunctivitis auf inhalative Allergene vor, egal ob saisonell oder das ganz Jahr über, ist die spezifische Immuntherapie die einzige Möglichkeit, Asthma zu verhindern, denn Rhinoconjunctivitis, im Volksmund als „Heuschnupfen“ bezeichnet, gilt als Hauptrisikofaktor für das spätere Entwickeln von Asthma bronchiale.
Zusätzlich betonte Wantke: „Nach heutigem Wissenstand ist eine sekundäre Prävention von Asthma in Folge einer Nahrungsmittelallergie bis dato nicht möglich. Auch schützt die prophylaktische Gabe von inhalativen Steroiden oder Antihistaminika nicht vor Asthma.
Die (allergen-)spezifische Immuntherapie (kurz: SIT), auch Hypo- oder Desensibilisierung oder „Allergieimpfung“ genannt, reduziert wissenschaftlichen Studien zufolge das Risiko einer Verschlechterung der Asthma-Entwicklung oder -Symptomatik eindeutig. Die „SIT“ basiert auf folgendem Prinzip: Durch wiederholte subkutane Injektion des Allergens in ansteigenden Dosen entwickelt der Patient* eine Toleranz gegenüber dem Allergen. Die meisten Patienten erhalten über drei Jahre Injektionen mit Allergenextrakten, anfänglich in wöchentlichen Abständen, nach Erreichen der Erhaltungsdosis werden die Injektionen monatlich gegeben.
Wantke: „Wenn auch die Datenlage nicht ganz eindeutig ist: Die europäische PAT-Studie (Preventive Allergy Treatment Study) zeigte ein deutlich gesenktes Risiko für die Entwicklung von Asthma nach drei Jahren mit einer Wirkung über insgesamt zehn Jahre.“
Für diese Studie wurden 205 Kinder im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren, die an allergischer Rhinitis (Heuschnupfen) leiden, entweder mit einer SIT oder rein medikamentös behandelt. Nicht nur kurz nach der dreijährigen Behandlung, sondern auch noch zehn Jahre später entwickelten die mit einer SIT therapierten Kinder deutlich seltener Asthma als die Vergleichsgruppe. Wantke: „Den Studienautoren zu Folge hat die spezifische Immuntherapie langfristige klinische Effekte und somit das Potenzial, Asthma bei Kindern mit allergischer Rhinitis bis zu zehn Jahre nach der Behandlung vorzubeugen.“
Erst kürzlich wurde eine doppelt-blinde, placebokontrollierte, randomisierte Studie an 812 Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren mit allergischer Rhinoconjunctivitis (GAP Studie), aber ohne dass sich bereits Asthma ausgeprägt hätte, durchgeführt. Es zeigte sich, dass sich nach drei Jahren Immuntherapie eine deutliche Reduktion der sonst zu erwartenden Asthmasymptome und der Asthmamedikation bereits im dritten Jahr einstellt. Nach fünf Jahren konnte das Risiko für Auftreten von Asthma-Symptomen oder die Asthma-Medikation um 34% reduziert werden.

Sublinguale Immuntherapie
Die SIT kann in zwei Formen verabreicht werden: subkutan mittels Spritze (SCIT) oder sublingual, also in Form von Tropfen oder Tabletten, die unter die Zunge gelegt (SLIT) und so in den Körper eingebracht werden. Während es bei der subkutanen Immuntherapie unterschiedliche Behandlungsschemata gibt, nach denen das Allergen vom Arzt gespritzt wird (in der Anfangsphase wird das Allergen ein- bis mehrmals pro Woche gespritzt, in der Erhaltungsphase nur mehr einmal im Monat), nimmt der Patient bei der Sublingualen Immuntherapie das Allergen täglich zu sich. Grundsätzlich unterscheidet sich die Therapiedauer bei SCIT und SLIT nicht. Für beide Heuschnupfen-Therapien gilt, dass sie für mindestens drei Jahre durchgeführt werden sollten. Wantke: „Durch den Einsatz der neuen, hochdosierten sublingualen Immuntherapie, welche gegen Gräser, Hausstaubmilben und bald auch Birke und eventuell Ragweed verfügbar ist, steigt der Stellenwert der spezifischen Immuntherapie weiter. Noch immer ist die spezifische Immuntherapie die einzige kausale Therapie der Typ-1-Allergie mit der Option der sekundären Asthmaprävention.“

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Sofern nicht anders vermerkt, gelten alle Bezeichnungen sowohl für Frauen als auch für Männer.

Kontakt
Prim. Priv.-Doz. Dr. Fritz Horak
Leiter des Allergiezentrums Wien West und Leiter des Arbeitskreises für Asthma und Allergie der österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP)

Allergiezentrum Wien West
Hütteldorferstraße 46
A-1150 Wien
01/ 982 41 210
f.horak@allergiezentrum.at
Univ-Doz. Dr. Felix Wantke
Leiter des Floridsdorfer Allergieambulatoriums und stellvertretender Arbeitskreisleiter für Asthma und Allergie der österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP)

Floridsdorfer Allergieambulatorium
Franz Jonas Platz 8/6
A-1210 Wien
01/ 270 25 42
wantke@faz.at

Weitere Pressetexte zu Themen des Kongresses finden Sie laufend aktualisiert unter: www.ogp.at/category/presse/medienaussendungen

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