Lungenerkrankungen und Osteoporose – ein unterschätztes Problem?

Dass Asthma und COPD Betroffenen die Luft rauben können, ist allgemein bekannt. Dass sie aber auch die Knochen brechen lassen können, eher nicht.

Im Rahmen der 45. Jahrestagung der österreichischen Gesellschaft für Pneumologie war die Problematik, dass Lungenerkrankungen zu einem erhöhten Osteoporoserisiko führen können, Thema einer wissenschaftlichen Sitzung. Lungenfachärzte* appellieren, dass Patientinnen und Patienten – es trifft sowohl Frauen als auch Männer – unbedingt frühzeitig auf ein mögliches erhöhtes Osteoporoserisiko aufmerksam gemacht und geeignete Vorsorgemaßnahmen getroffen werden müssen.

„Bei schweren Atemwegserkrankungen wie COPD und Asthma, die die häufigsten obstruktiven[1] Atemwegserkrankungen überhaupt darstellen, aber auch bei selteneren, bestimmten interstitiellen Lungenerkrankungen[2] und cystischer Fibrose[3] kommen meist gleich mehrere Faktoren zusammen, die das Risiko für den krankhaften Knochenabbau deutlich erhöhen“, erläuterte der Internist, Lungenfacharzt und Intensivmediziner Priv.-Doz. Dr. Georg-Christian Funk, Leiter der 2. Medizinischen Abteilung mit Pneumologie mit Ambulanz, Klinik Ottakring.

Mögliche Ursachen und Auslöser

Einerseits sind es die Erkrankungen selbst, die auf verschiedene Art und Weise in den Knochenstoffwechsel „eingreifen“ und zu einer Veränderung in der Mikroarchitektur des Knochens führen können. In erster Linie ist das die krankheitstypische, generelle, also systemische Entzündungssituation, die nicht nur die Atemwege, sondern den gesamten Körper betreffen kann. Funk: „Es handelt sich um ein sehr komplexes Zusammenspiel und die pathophysiologischen Mechanismen sind auch nicht in allen Fällen bis ins letzte Detail geklärt. Aber vereinfacht kann man wie folgt zusammenfassen: Die durch die Lungenerkrankung bedingte chronische Entzündung, die den gesamten Körper in Mitleidenschaft zieht[4], aber auch Hypoxämie, also die krankheitsbedingte Sauerstoffunterversorgung des Blutes sowie Veränderungen im Stoffwechsel[5], können zu Veränderungen in der Struktur des Knochens führen. Aber auch krankheitsbedingte Mangelernährung, wie z.B. bei cystischer Fibrose oder COPD, Vitamin-D-Mangel und Lebensstilfaktoren wie körperliche Inaktivität – wer nur schlecht Luft bekommt, bewegt sich nicht gerne – sind Risikofaktoren für Osteoporose und ein erhöhtes Knochenbruchrisiko.“

Krankmachende Lebensstilfaktoren

Viele COPD- und Asthma-Patienten meiden aufgrund von Atemnot körperliche Belastungen. Aber auch Bewegungsmangel ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Osteoporose. Patienten mit chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen sind außerdem gefährdet, eine Depression zu entwickeln. Ein Faktor, der zusätzlich oft zu Bewegungsmangel führt. Dabei wäre Bewegung an der Sonne wichtig für die Vitamin-D-Bildung. Bewegung ist natürlich überhaupt wichtig, um Muskulatur aufzubauen und den Knochen dadurch zu stärken.

Medikamente als Ursache – Kortison als „Knochenräuber“

„Die Rolle der inhalativen Glukokortikoide in Bezug auf die Entstehung einer Osteoporose wird seit langem kontrovers diskutiert“, erläuterte Funk und berichtete von einer rezenten Publikation aus einer englischen Datenbank mit mehr als 650.000 Patienten, in der 138.000 Asthmatiker mit 520.000 Nicht-Asthmatikern verglichen wurden. Hier zeigte sich in der Asthmakohorte ein ca. 20% erhöhtes Osteoporoserisiko und ein um ca. 10% erhöhtes Frakturrisiko[6]. „Wir gehen heute davon aus, dass Glukokortikoide, wenn sie langfristig inhalativ zur Anwendung kommen, auch eine geringe Erhöhung des Osteoporoserisikos mit sich bringen. Nun muss man genau differenzieren, bei welcher Indikation inhalative Glukokortikoide zu Anwendung kommen: Bei Asthma sind diese Medikamente hochwirksam und die unverzichtbare Basis der Therapie, die den Betroffenen auch zu mehr Aktivität im Leben und damit zu einem geringeren Osteoporoserisiko verhilft. Bei COPD hingegen gibt es nur eine Minderheit von Patientinnen und Patienten, die gehäufte Atemkrisen (Exazerbationen) haben und von einem inhalativen Glukokortikoid profitieren.“

Osteoporose – ein unterschätztes Risiko?

Rezente Studien, die auch auf der Jahrestagung der Lungenfachärzte diskutiert wurden, untersuchten, wie hoch das Osteoporose- und Frakturrisiko bei verschiedenen Lungenerkrankungen ist.

Eine britische Studie[7] zum Beispiel zeigte, dass das Osteoporoserisiko und das Risiko, dadurch Brüche zu erleiden – vorwiegend Wirbeleinbrüche sowie Frakturen des Unterarms und des Handgelenks –, bei Patienten mit Asthma etwas höher ist als bei der „Normalbevölkerung“. Bei COPD liegt laut einem rezenten Review die Prävalenz einer Osteoporose global bei 38%.[8]

Funk: „Eine andere Studie, die arctic study, zeigte ebenfalls, dass Patienten die an COPD leiden, gefährdeter sind, Osteoporose und Frakturen zu entwickeln, als Menschen desselben Alters und Geschlechts, die nicht an COPD erkrankt sind. Daher ist es wichtig, COPD-Patienten, vor allen Dingen solche, die auch noch an Komorbiditäten wie Asthma, kardiovaskulären Erkrankungen oder Depressionen leiden, auf das Vorliegen von Osteoporose zu screenen.“

Vorsorgemaßnahmen

Zuerst einmal müssen die Patienten wissen, dass sie ein erhöhtes Osteoporoserisiko haben. Je nach Krankheit – Patienten mit cystischer Fibrose zum Beispiel haben schon im Teenager-Alter ein erhöhtes Osteoporoserisiko – müssen Knochendichtemessungen vorgenommen werden.

Funk: „Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D ist eine wichtige Voraussetzung für die Knochengesundheit. Auch eine ausreichende Kalziumzufuhr ist primär über die Nahrung sicherzustellen. Ist dies nicht möglich, so sind Kalziumsupplemente erforderlich. Patientinnen und Patienten mit Osteoporose, die keine spezifische Osteoporosetherapie erhalten, sollen täglich 1000 Milligramm Kalzium aufnehmen, vorzugsweise über die Nahrung sowie 800 – 1000 IE Vitamin D.“

Ein regelmäßiges Bewegungsprogramm, das auch mit der Erkrankung gut umgesetzt werden kann, sollte unbedingt in den Alltag integriert werden. Es sind dabei alle Aktivitäten geeignet, die die Muskulatur beanspruchen und so zu einem Aufbau von Muskel- und Knochenmasse beitragen. Funk: „Gute Erfahrungen wurden hier zum Beispiel mit gezieltem Krafttraining gemacht, aber auch regelmäßiges moderates Spazierengehen ist geeignet, den Knochenaufbau zu fördern.“

Falls die Knochendichte bereits stark verringert ist, kommen spezielle Medikamente zur Behandlung der Osteoporose in Frage. Funk: „Neben der Optimierung des Vitamin D-Spiegels sind sämtliche in Österreich zur Behandlung der Osteoporose zugelassenen antiresorptiv oder anabol wirksamen Medikamente auch bei pneumologischen Patientinnen und Patienten mit einem erhöhten Knochenbruchrisiko entsprechend den nationalen Erstattungskriterien indiziert.“

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text teilweise auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Sofern nicht anders vermerkt, gelten alle Bezeichnungen für sämtliche Geschlechter.

 

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[1] obstruktiv = die Atemwege verengend

[2] Interstitielle Lungenerkrankungen (ILD, auch: diffuse Lungenparenchymerkrankungen) = Sammelbegriff für über 200 unterschiedliche Lungenerkrankungen, deren Gemeinsamkeit ist, dass sie das Zwischengewebe der Lungen, die Lungenbläschen (Alveolen), das Binde- und Stützgewebe rund um die Blutgefäße und kleinen Atemwege (=Interstitium) schädigen und bei bildgebenden Verfahren ein ähnliches Erscheinungsbild zeigen. Durch häufige Entzündungen und daraus resultierende Vernarbungen des Gewebes kann sich eine Lungenfibrose entwickeln. ILD führen durch das zunehmende Versteifen und Schrumpfen von Lungengewebe zu Kurzatmigkeit und Husten.

[3] Cystische Fibrose, CF; auch als Mukoviszidose bezeichnet = angeborene Stoffwechselerkrankung, die zur Produktion von zähem Schleim in verschiedenen Organen wie der Lunge, der Bauchspeicheldrüse und dem Verdauungsapparat führt. Der Krankheitsverlauf ist unterschiedlich, meist aber kommt es zu einer schweren Beeinträchtigung der Lungenfunktion.

[4] Systemische Inflammation bedingt durch proinflammatorische Zytokinkaskaden/überschießende Immunabwehr; Zytokine (Proteine, die die Abwehr von Krankheitserregern steuern) werden unkontrolliert freigesetzt; „Zytokinsturm“

[5] Katabole Stoffwechsellage

[6] ChalitsiosCV,ShawDE,McKeeverTM.Riskofosteoporosis and fragility fractures in asthma due to oral and inhaled corticosteroids:twopopulation-basednestedcase-control studies.Thorax.2021;76(1):21–8.

[7] Incidence of osteoporosis and fragility fractures in asthma: a UK population-based matched cohort study; Christos V. Chalitsios, Tricia McKeever and Dominick E. Shaw; Eur Respir J 2021; 57:2001251

[8] Chen YW, Ramsook AH, Coxson HO, Bon J, Reid WD. Prevalence and risk factors for osteoporosis in individuals with COPD: a systematic review and meta-analysis. Chest.2019;156(6):1092–110.