Lungenkrebs als chronische Erkrankung

Bei bestimmten Patienten lässt sich das Leben durch spezielle Medikamente deutlich verlängern. Lungenkarzinome sind die häufigste tödliche Krebserkrankung in Österreich. Mit der modernen „zielgerichteten Therapie“ unter Verwendung von Medikamenten, die spezifisch bestimmte Signalwege in den bösartigen Zellen blockieren, lässt sich auch bei manchen Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung die Überlebenszeit deutlich verlängern. Das Ziel wäre, den Status einer chronischen Erkrankung zu erreichen, hieß es jetzt beim Jahreskongress der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖPG) in Salzburg (2. bis 4. Oktober).


Wien, 6. Oktober 2014. Der Hintergrund: Im Jahr 2012 sind in Österreich insgesamt 3.864 Menschen an einem Lungenkarzinom erkrankt. Die Zahl der Todesopfer betrug 3.388. Nur 15 % der Patienten leben noch nach fünf Jahren, bei den Brustkrebspatientinnen sind es hingegen beispielsweise 86 % (Dickdarmkrebs: 61 %, Prostatakarzinom: 96 %). Die durchschnittliche Überlebensdauer bei fortgeschrittenen Lungenkrebs-Erkrankungen liegt bei einem Jahr.

Doch zwölf bis 15 % der Betroffenen haben die Chance auf eine relativ nebenwirkungsarme medikamentöse Therapie mit deutlich verlängerter Überlebenszeit. Dies ist der neuen „zielgerichteten Krebstherapie“ zu verdanken. Aus der Kenntnis von spezifischen Signalwegen heraus, welche das Wachstum von Krebszellen antreiben, werden immer mehr Medikamente entwickelt, die in diese Mechanismen eingreifen und sie blockieren.

“85 % der Lungenkarzinome sind sogenannte nicht-kleinzellige Karzinome (NSCLC, Anm.). Man kann davon ausgehen, dass bis zu etwa 15 % der Tumoren aus Zellen bestehen, die Genmutationen aufweisen, auf die solche Arzneimittel abzielen“, so Oberarzt Dr. Maximilian Hochmair, Leiter der Onkologischen Ambulanz und Tagesklinik am Otto Wagner Spital in Wien und Leiter des Arbeitskreises für „Pneumologische Onkologie“ der ÖGP.

Zwar kann man mit diesen Arzneimitteln eine fortgeschrittene Lungenkarzinom-Erkrankung nicht heilen, aber diese medikamentöse Therapie kann bei ausgewählten Patienten die Krankheit stoppen bzw. zumindest bremsen. Da die verwendeten Arzneimittel relativ nebenwirkungsarm sind, ist das auch bei recht guter Lebensqualität möglich.

Molekularbiologische Untersuchung

Die Voraussetzung für eine solche Behandlung ist die genaue molekularbiologische Charakterisierung des Tumorgewebes. „Dazu verwendet man Gewebeproben, die entweder bei einer Bronchoskopie, im Rahmen einer Biopsie unter Kontrolle durch Computertomografie oder Ultraschall oder bei Operationen gewonnen werden“, erläutert Hochmair.

Derzeit werden Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) in den spezialisierten Kliniken bereits auf drei verschiedene Genvarianten des Tumorgewebes untersucht: EGFR (vermehrte Rezeptoren für den Epidermalen Wachstumsfaktor EGF an der Zelloberfläche), EML4-ALK (eine in der Erbsubstanz vorliegende Fusion von zwei Gen-Bestandteilen) und ROS1, ein in Tumorzellen überexprimiertes Gen für das Enzym Tyrosin-Kinase.

Mittlerweile gibt es bereits „zielgerichtete Medikamente“, die jeweils spezifisch bei Vorliegen eines dieser genetischen Merkmale (Biomarker) wirken. Der Pneumologe: „Am bekanntesten sind hier Tyrosin-Kinase-Inihibitoren wie Gefitinib und Erlotinib und das neu seit August 2014 zugelassene Afatinib.“

Sie und Nachfolgesubstanzen wirken, wenn die Tumorzellen Mutationen beim EGF-Rezeptor aufweisen. Durch die Behandlung wird das über diese Rezeptoren ausgelöste Wachstumssignal für die Krebszellen blockiert. Zur Hemmung des ALK-Proteins gibt es zum Beispiel die Substanz Crizotinib. Auch bei ROS1-Mutationen ist bereits eine zielgerichtete medikamentöse Therapie möglich.

Ein Forschungsnetzwerk des Otto Wagner Spitals, des Wilhelminenspitals und des Krankenhauses Hietzing (alle in Wien) sowie der Pulmologischen Abteilung am LKH Hochegg (Grimmenstein/NÖ) hat zwischen Jänner 2010 und Juli 2014 insgesamt rund 3.700 molekularbiologische Untersuchungen von Gewebeproben von Lungenkarzinompatienten (NSCLC) durchgeführt. Bei 1.999 Kranken, bei denen auf EGFR-Mutationen getestet wurde, zeigten 12,8 % derartige Genveränderungen. Unter 1.421 Patienten, die auf EML4-ALK untersucht wurden, zeigten sich bei 2,3 % eine solche Mutation. Mit einem Anteil von nur 0,7 % (von 294 getesteten Patienten) war der Anteil von ROS1-Mutationen am geringsten.

Manche Patienten, die auf solche Therapien gut ansprechen, haben eine deutlich gesteigerte Überlebenszeit. Das kann bis zu Jahren gehen. Dabei sind die Medikamente einfach anzuwenden: Bei den sogenannten Tyrosinkinase-Hemmern reicht oft eine Tablette am Tag.

Neue Methode erlaubt genauere Bestimmung des Therapieerfolges

Der Einsatz neuer, zielgerichteter Medikamente bei Lungenkrebs ist ein Aspekt, doch genauso wichtig ist die Kontrolle des Behandlungserfolges im Verlaufe der Therapie. Wie sich die Tumorgröße verändert – daraus lässt sich die Wirksamkeit der gewählten Behandlungsstrategie ableiten. Dies wiederum gibt den Ärzten die Möglichkeit, die Therapie exakt an den Verlauf der Erkrankung anzupassen.

Hier könnten neue und automatisierte Methoden eine Verbesserung bringen, wie Dr. Kaveh Akbari vom AKH-Linz aus Anlass der Tagung feststellte. Er und seine Co-Autoren haben anhand einer Studie bei 60 Patienten 77 Lungentumoren während der Therapie im Rahmen einer Anfangs- und zwei weiteren Verlaufsuntersuchungen mittels Computertomografie kontrolliert.

Dabei wurden zwei Methoden miteinander verglichen: Mit der ersten Methode wurden die Tumoren eindimensional anhand ihrer längsten Durchmesser mit einer händisch durchgeführten Messung erfasst. Die zweite Methode beruhte auf einer automatischen Messung, bei der das Tumorvolumen bestimmt wird.

Um auch die Abhängigkeit der Methoden von den jeweils Untersuchenden festzuhalten, wurde die Evaluierung getrennt von zwei unterschiedlichen Untersuchern durchgeführt.

Dr. Akbari: „Die CT-Volumetrie zeigt ein genaueres Bild von der Entwicklung der Tumorerkrankung. Sie ist auch wesentlich weniger untersucherabhängig und somit objektiver. Der Therapieerfolg wurde dabei mittels Volumetrie in etwa 17 % der Fälle anders eingestuft als mit der eindimensionalen Messung – in etwa 13 % der Fälle hätte das die weitere Therapieplanung beeinflusst.“

 

Kontakt

Oberarzt Dr. Maximilian HOCHMAIR
Leiter der Onkologischen Ambulanz und Tagesklinik am Otto Wagner Spital in Wien und Leiter des Arbeitskreises für ”Pneumologische Onkologie” der ÖGP
Otto-Wagner-Spital
Baumgartner Höhe 1
1140 Wien
E-Mail: maximilian.hochmair@wienkav.at

Dr. Kaveh AKBARI
AKH-Linz
Krankenhausstraße 9
4020 Linz
Tel.: +43 (0)732/7806-73026
E-Mail: kaveh.akbari@akh.linz.at

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