Tuberkulose – die vergessene Erkrankung?

Tuberkulose (TBC) ist weltweit nach wie vor eine der wichtigsten tödlichen Infektionskrankheiten. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkrankten 2013 weltweit 9 Millionen Menschen an TBC, 1,3 Millionen Menschen verstarben daran. Ein Großteil der TBC-Erkrankungs- und Todesfälle betrifft Entwicklungs- und Schwellenländer und -regionen wie Indien, Asien, Afrika, China oder Osteuropa. Noch immer gilt die Tuberkulose als Erkrankung der Armen. Aber auch in Österreich sind jedes Jahr einige Hundert Tuberkulosefälle zu verzeichnen. Zwar nimmt hierzulande wie auch weltweit die Erkrankungshäufigkeit in den letzten Jahren ab, doch ist ein Anstieg an multiresistenten (MDR) bzw. extrem resistenten (XDR) Erregern zu verzeichnen.


Tuberkulose wird durch Mykobakterien (zumeist Mycobacterium tuberculosis) in Form einer Tröpfcheninfektion wie Husten oder Niesen übertragen. Sie manifestiert sich deshalb zumeist in der Lunge (Lungentuberkulose), kann jedoch prinzipiell jedes Organ oder Gewebe (Organtuberkulose) betreffen. „Ob der menschliche Körper eine Infektion abwehren kann oder ob es zu einer Erkrankung kommt, ist von verschiedenen Faktoren wie Ernährungszustand oder Immunstatus abhängig. Kann das Immunsystem den Erreger nicht vollständig aus dem Körper entfernen, können sich Mykobakterien jahrelang abkapseln und nicht weiter ausbreiten; man spricht von latenter TBC“, so Doz.in Dr.in Ingrid Stelzmüller, Leiterin des Arbeitskreises „Infektiologie und Tuberkulose“ der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP). Dies betrifft rund ein Drittel der Weltbevölkerung. Die Betroffenen haben keinerlei Beschwerden. Erst durch eine Schwächung des Immunsystems – oft erst nach Jahren – kann es zu einer Aktivierung der Erkrankung kommen (aktive TBC).

TBC nicht immer leicht zu erkennen Stelzmüller: „Die Erkrankungssymptome sind häufig unspezifisch: Husten, Nachtschweiß, Fieber, Gewichtsverlust. Gelegentlich findet sich auch Bluthusten. Bei anhaltendem Husten und zunehmender körperlicher Schwäche sollte deshalb unbedingt ein Lungenfacharzt aufgesucht werden.“ Häufig können bereits mit Hilfe eines Lungenröntgens der Verdacht erhärtet und weitere Schritte eingeleitet werden. Gelingt im Rahmen von Sputumproben (Auswurf) der direkte Erregernachweis, handelt es sich um eine offene Lungentuberkulose. Der Erkrankte muss in diesem Fall sofort isoliert werden, um die Ansteckung weiterer Personen zu verhindern. Zusätzlich muss eine Erkrankungsmeldung an das Gesundheitsamt erfolgen.

Tuberkulose in Österreich.
Österreich gilt nach wie vor als ein Land mit einer geringen Erkrankungshäufigkeit. Im Jahr 2013 wurden 649 Tuberkulosefälle registriert. Die entspricht einer Erkrankungshäufigkeit von 7,66/100.000 Einwohnern. Die meisten Erkrankungen – 14,5/100.000 Einwohner– wurden in Wien registriert. Mit rund 80% war die Lunge das am häufigsten betroffene Organ (siehe Abb. 1). Die rückläufige TB-Inzidenz bei österreichischen Staatsbürgern setzte sich weiter fort, bei Personen mit nicht-österreichischer Staatsangehörigkeit blieb diese stabil.

 

Abb. 1: Quelle AKH Linz Durch TBC zerstörte Lunge rechts

 

Behandlungsmöglichkeiten der Tuberkulose
Ist der Erreger auf alle vier Erstrang-Antibiotika (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid) empfindlich, dauert die Therapie in der Regel sechs Monate. „Durch die Kombination verschiedener Medikamente soll eine Resistenzentwicklung vermieden werden. Die Einnahme erfolgt täglich in Tablettenform. Eine offene TBC wird zunächst unterIsolationsbedingungen im stationären Bereich behandelt. Sobald der Erkrankte nicht mehr ansteckend ist, kann die weitere Therapie ambulant erfolgen“, so die Lungenfachärztin. Bei Personen mit österreichischer Staatsangehörigkeit betrifft die TBC eher ältere Generationen ab 50 Jahren, unter Migranten oder Asylwerbern sind vor allem Kinder und junge Erwachsene betroffen. In Österreich muss jeder positive TBC-Nachweis den Gesundheitsbehörden gemeldet werden; zudem besteht Behandlungspflicht. Die gesamten Behandlungskosten werden für alle Patienten (auch für Asylwerber) vom Bund übernommen.

Multiresistenz-Tuberkulose erfordert langwierige und kostenintensive Therapie
Durch eine mangelhafte oder zu kurze Behandlung einer TBC kann es zur Resistenzentwicklung der Erreger gegenüber Standard-Medikamentenkombinationen kommen. Das Ergebnis ist eine deutliche Verlängerung der Therapiedauer. Stelzmüller: „Dies führt aber auch zu einem drastischen Anstieg der Therapiekosten von rund 10.000,- Euro für eine sensible TB auf knapp 60.000,- Euro für eine MDR-TBC und mehr als 170.000,- Euro für eine XDR-TBC.“
Rund 80% aller in Österreich bestätigten Tuberkuloseerkrankungen können erfolgreich behandelt werden, bei MDR und XDR-Fällen reduziert sich der Erfolg auf 62,5%. 2013 erkrankten weltweit 480.000 Menschen an einer MDR-TBC, mehr als die Hälfte der Erkrankten stammt aus Indien, China und der Russischen Föderation. In Österreich wurden 2013 bereits 13 Fälle einer MDR-TBC und 3 Fälle einer XDR-TBC registriert.Die meisten der in Österreich diagnostizierten MDR-Patienten stammen aus Rumänien und der Russischen Föderation (siehe Abb. 2).

 

Abb. 2: Quelle AGES MDR/XDR-Fälle bei in Österreich wohnhaften Personen nach WHO-Regionen

 

Neue Tuberkulose-Medikamente
Durch die zunehmende Resistenzentwicklung der Mykobakterien gegenüber den Standardmedikamenten ist die Entwicklung und Zulassung neuer Antibiotika unabdingbar. Mit Bedaquilin und Delamanid stehen seit rund 50 Jahren nun die ersten neu entwickelten Arzneistoffe zur Behandlung von Tuberkulose-Infektionen zur Ergänzung der Standard-Therapie von Patienten mit MDR-TB zur Verfügung. Zusätzlich erfolgte neben einer Indikationserweiterung für das bereits verwendete Antibiotikum Moxifloxacin die Wiedereinführung von Nitroimidazol als neue Formulierung eines bis in die 1970er-Jahre verwendeten Standardmedikaments. Diese Medikamente gelten als Reservemittel und werden nicht routinemäßig angewendet.

Stelzmüller: „Das von der WHO gesetzte Ziel, bis ins Jahr 2050 die TBC als globales Gesundheitsproblem zu eliminieren, erfordert weiterhin große Anstrengung. Neben einer schnelleren und effizienteren Diagnostik muss auch die Therapie weiter verbessert werden. Unter anderem ist die Entwicklung und Zulassung neuer und vor allem leistbarer Medikamente eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür.“

Hinweis: Am Dienstag, 24. März 2015, ist Welt-Tuberkulosetag!

Stelzmüller2015

Kontakt

Leiterin des Arbeitskreises „Infektiologie und Tuberkulose“ der ÖGP
Priv.-Doz. Dr. Ingrid Stelzmüller, MBA
AKH Linz, Abteilung für Pneumologie
Krankenhausstraße 9
4020 Linz
E-Mail: ingrid.stelzmueller@akh.linz.at

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